Barrierefreiheit im Online-Handel: Von digitalen Stolperfallen und unüberwindbaren Hürden

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By Siteimprove
Nov 12 2016 — Barrierefreiheit, Compliance

Der Online-Handel ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Damit wächst auch die Verantwortung, dass alle Mitglieder der Gesellschaft an der Online-Welt teilhaben können – selbst dann, wenn sie eine Schwäche oder ein Handicap haben. Doch wie gestaltet man einen Online-Shop barrierefrei? Welche Kriterien muss eine barrierefreie Web-Präsenz erfüllen? In unserem Bericht werden wir diese und andere Fragen rund um das Thema barrierefreier Online-Handel beantworten.

Ist von „Barrieren“ oder „Barrierefreiheit“ die Rede, wird das Thema nicht selten schnell auf Menschen mit einem Handicap gelenkt. Das ist in manchen Fällen durchaus einleuchtend, da Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung im Alltag natürlich auf eine größere Zahl und wesentlich höhere Barrieren treffen als Menschen ohne Handicap. Doch Barrieren gibt es überall – sowohl in der „realen“ als auch der digitalen Welt – und sie erschweren eben nicht nur Menschen mit einer Behinderung das Leben. Je nach Fokus und Kontext gibt es zum Beispiel Barrieren, die beeinträchtigten Menschen die Orientierung im Internet verwehren oder älteren Generationen den Zugang zur Online-Welt unmöglich machen.

Weg mit den Hürden! – Was bedeutet „Barrierefreiheit“?

Um sich näher mit dem Thema Barrierefreiheit beschäftigen zu können, muss man sich darüber im Klaren sein, wie weit oder eng der Begriff überhaupt gefasst werden kann. Grundsätzlich ist schon in Artikel 3 des Grundgesetzes verankert, dass niemand aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden darf. „Barrierefrei“ sind dabei Systeme, Anlagen, Verkehrsmittel oder Gebrauchsgegenstände, wenn sie „für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“ – So schreibt es das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (BGG).

Die Bundesregierung verweist darauf, dass Barrierefreiheit „keine Speziallösung für Menschen mit Behinderungen“ ist. Es geht also im Prinzip auch darum, die Umwelt in jener Weise zu gestalten, dass alle Menschen gleichermaßen daran teilhaben können, und zwar ohne die Berücksichtigung spezieller Personengruppen. Das Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit nennt dieses Verständnis auch „Design für alle“.

 

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Auf Marktplätzen zählt das Engagement der Betreiber

Will man als Online-Händler seine Waren barrierefrei anbieten und sich somit allen Käufergruppen öffnen, so gibt es in den meisten Fällen zahlreiche Ansatzpunkte zur Optimierung. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob man einen eigenen Shop betreibt und somit nach Belieben Umbaumaßnahmen vornehmen kann oder ob man einen Marktplatz-Shop anpassen will. Denn dort hat man in aller Regel weitaus weniger Befugnisse, wodurch die Möglichkeiten entscheidend eingeschränkt sind – Händler müssen hier auf die Zuarbeit der Marktplatzbetreiber setzen und hoffen, dass das entsprechende hürden-brechende Engagement vorhanden ist. Wie steht es nun eigentlich um die namhaften Marktplätze, die hierzulande aktiv sind? Auf Nachfrage betonte zum Beispiel Nikolaus Lindner, Director Government Relations für Ebay in Deutschland, die große Bedeutung der Barrierefreiheit: „Unsere Vision ist ein Handel, der durch Technologie vorangetrieben wird und für alle offen ist. Allgemeiner Zugang zu unserem Online-Marktplatz – für Käufer und Verkäufer – hat Priorität und ist für uns ein Kriterium in der Produktentwicklung.“ Im Speziellen heißt das, dass neue Features, Funktionen und Aktualisierungen „ohne erfolgreiche Prüfung auf Barrierefreiheit auf dem Ebay-Marktplatz gar nicht live gehen können.“

Schon bei Farben fängt Barrierefreiheit an

Auch Ina Froehner, Head of PR von DaWanda, weiß um die Wertigkeit der Barrierefreiheit: „Wir finden das Thema sehr interessant und wichtig. Aktuell haben wir keine Features, die die Verkäufer ‚verwenden‘ können, um ihren Shop komplett barrierefrei zu gestalten.“ Dennoch bleibt man natürlich nicht tatenlos. Auf DaWanda.com führe man beispielsweise Farbenblindheitstests und Kontrastprüfungen durch, „um eine optimale Lesbarkeit zu gewährleisten“. Mithilfe solcher Tests können Websitebetreiber und Webdesigner ermitteln, wie Menschen mit einer Farbenblindheit oder Sehschwäche eine Website wahrnehmen. Auf Grundlage dieser Ergebnisse lassen sich dann entsprechende Optimierungen vornehmen. Für die Praxis ergeben sich für Händler und Websitebetreiber daraus zum Beispiel folgende Handlungsmaximen: Auf Kontraste wie Rot-Grün oder Blau-Gelb sollte im Online-Shop verzichtet werden, da viele Menschen gerade solche Farbkombinationen nur schwer wahrnehmen können. Ähnlich sieht es mit schwachen Kontrasten aus: Gelbe Schrift auf weißem Hintergrund dürfte selbst für Menschen mit durchschnittlich guter Sehkraft wesentlich schwieriger lesbar sein, als schwarze Schrift auf weißem Grund. Gleiches gilt für sich bewegende oder flackernde Elemente.

Formen und Größe: Wenn Schnörkel zur Hürde werden

Neben dem Einsatz von Farben kann natürlich auch die Schriftgröße ein Hemmnis sein. Daher hat DaWanda an dieser Stelle bereits interveniert: „Die Textgröße wurde schon vor einigen Jahren von 12 Pixel auf 14 Pixel geändert“, so Froehner weiter. Bei der Schriftart sollten Websitebetreiber darauf achten, dass eine gut lesbare Schrift verwendet wird. Das heißt, die Einzelbuchstaben sollten klar erkennbar und deutlich voneinander getrennt sein. Unnötige Schnörkel oder Verzierungen an den Buchstaben, die das Lesen erschweren, sollten unbedingt vermieden werden. Daneben gehört zu einer gut lesbaren Schrift auch der Umstand, dass die Zeilen einen genügend großen Abstand voneinander haben und beispielsweise die sogenannten Unterlängen der Buchstaben „g“ oder „p“ – also jene Bereiche, die nach unten ausladend sind – nicht mit den Buchstaben der folgenden Zeile kollidieren.

Zu einer barrierefreien Optik gehört darüber hinaus auch die Möglichkeit, sich Websites auf verschiedenen Endgeräten wie Laptop oder Smartphone gleichermaßen gut les- und nutzbar anzeigen zu lassen. Schaltflächen, die sich aufgrund ihrer geringen Größe oder ihrer Platzierung auf dem Smartphone nur schwer antippen lassen, stellen bereits für geübte Finger ein Problem dar. Für ältere Nutzer oder Menschen mit Beeinträchtigung können sie sich zur unüberwindbaren Barriere mausern.

Orientierung und Verständnis gehen Hand in Hand

Eng an das verwendete Endgerät geknüpft ist natürlich auch das Eingabegerät: PC-Nutzer sollten in jedem Fall die Wahl haben, ob sie mittels Maus oder Tastatur navigieren. Auch Ina Froehner von DaWanda verweist auf entsprechende Vorkehrungen auf dem Online-Marktplatz: „Wenn jemand die Seite ohne Maus bedient, wie bei Blinden, und die Tabsteuerung nutzt, gelangt er beim Betreten des jeweiligen Shops zuerst in die allgemeine Suche auf DaWanda und mit dem nächsten Tab in die Shopsuche des jeweiligen Shops. So besteht die Möglichkeit, dort recht schnell das gesuchte Produkt zu finden.“ Um das Verständnis weiter zu fördern, sollten Website-Betreiber neben einer grundsätzlich einfachen und logischen Struktur bzw. Navigation auch auf den Einsatz einfacher Sprache Wert legen. Unnötig viele Fremd- oder Fachwörter hemmen das Verständnis – genau wie lange und verschachtelte Sätze. Überlegte Zwischenüberschriften und weiterführende Informationen (zum Beispiel durch Links) können dabei helfen, Seiten besser zu strukturieren und die Inhalte verständlicher zu machen. Der Einsatz erweiterter Features kann weitere Barrieren abbauen: So können sich sehbeeinträchtigte Nutzer mithilfe von Text-to-Speech-Diensten beispielsweise die geschriebenen Texte auf einer Website vorlesen lassen.

 

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Fazit

Es hat sich gezeigt: Die Ansatzpunkte zur barrierefreien Optimierung einer Website sind zahlreich und vielfältig. Fast in jedem Online-Shop finden sich Elemente, an denen man noch feilen könnte. Natürlich ist der Aufwand für eine entsprechend überarbeitete Seite je nach Sortiment, Größe, Funktionen etc. unterschiedlich hoch. Das weiß auch der Digitalisierungsspezialist i-ways sales solutions GmbH. CMO des Unternehmens, Florian Laudahn, betonte, dass man im Zuge einer barrierefreien Anpassung einer Website immer ein klares Ziel haben sollte: „Hier können wir nur klar empfehlen, vor der Beauftragung mit allen Beteiligten eine intensive Anforderungs- und Zieldefinition zu erstellen. Die Kernfragen sollten sein: Für wen, möchte ich durch welche Maßnahmen was verbessern, um welches Ziel zu erreichen?“ Wenn diese Fragen geklärt sind, sollte die Hälfte der sprichwörtlichen Miete schon drin sein.

Rechtlicher Exkurs

Nicht nur im Deutschen Grundgesetz und dem BGG werden die Barrierefreiheit thematisiert und die Gleichbehandlung statuiert. Auch die Europäische Kommission hat sich gleiches zum Ziel gesetzt und 2015 einen Vorschlag für ein Barrierefreiheitsgesetz vorgelegt, das in allen Mitgliedstaaten zur Anwendung kommen soll. Dabei wird unter anderem auf die Barrierefreiheit von Geldautomaten und Bankdienstleistungen, technischen Geräten oder auch E-Books eingegangen. Besonders prekär für Online-Händler: Der Richtlinienvorschlag sieht vor, dass die Barrierefreiheit im Bereich der Privatwirtschaft sowie im Online-Handel verpflichtend wird. Das ist insofern heikel, da die barrierefreie Gestaltung eines Online-Shops mit hohen Kosten verbunden sein kann: Wenn also nicht nur einzelne Kriterien, sondern ein ganzer Anforderungskatalog verpflichtend umgesetzt werden muss, kann dies für kleine und mittelständische Händler existenzbedrohend sein. Nicht umsonst hat sich der Händlerbund in einer aktuellen Stellungnahme zwar für die Inklusion, Teilhabe und Gleichberechtigung von beeinträchtigten und behinderten Menschen ausgesprochen, jedoch die Verhältnismäßigkeit einer solchen Verpflichtung infrage gestellt.

 

 

Über die AutorinAls Redakteurin von OnlinehändlerNews ist Tina Plewinski seit 2013 in der Welt des Online-Handels zuhause. Ganz besonders am Herzen liegen ihr neben dem E-Commerce jedoch Neuerungen und Entwicklungen aus dem Hause Amazon. Nicht umsonst zeigt sie sich als Redakteurin vom Dienst verantwortlich für den Amazon Watchblog und verfolgt mit Spannung jegliche Innovationen und Geschäftskonzepte des US-Riesen."(Zuerst erschienen im Onlinehändler Magazin / Ausgabe 09 /2016)

 

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