Barrierefreiheit – der Status Quo zum neuen Jahr

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By Siteimprove
Jan 11 2017 — Neuheiten, Barrierefreiheit, Compliance

2017 könnte das Jahr der Barrierefreiheit werden. Ein finaler Durchbruch im Hinblick auf eine digitale Welt ohne Grenzen für Menschen mit Behinderungen, die auf barrierefreie Inhalte angewiesen sind. Der Grund: Im Mai 2016 einigten sich die Verhandlungsführer der EU-Kommission, des Rates und des EU-Parlaments auf eine länderübergreifende Umsetzung von barrierefreien Standards im Web für den öffentlichen Sektor. Nach Jahren der Uneinigkeit konnte somit ein wichtiger Erfolg für bindende Regeln in Bezug auf barrierefreie Websites erzielt werden. Im Herbst bestätigten Parlament und Kommission diese Vereinbarung im Rahmen einer gesetzlich-bindenden Regelung. Durch diese neue Vereinbarung sind die EU-Staaten in der Pflicht, die geforderten Beschlüsse innerhalb von 21 Monaten umzusetzen. Einige Mitgliedsstaaten reagierten auf diese Einigung schon im Vorfeld. So müssen in Österreich öffentliche Internetauftritte bereits seit einem Jahr barrierefrei umgesetzt sein. In Deutschland geben sich Behörden und Politik zögerlicher. Doch auch dort (wie in der gesamten EU) müssen spätestens Ende 2017 alle Websites von Kommunen, Behörden und Co. barrierefrei sein. Wenn nicht, verstoßen sie gegen die Barrierefreiheits- sowie Gleichstellungsgesetze und sind abmahnbar. Jede öffentliche Einrichtung sollte sich also schon in den nächsten Wochen Gedanken machen, wie sie Websiteinhalte barrierefrei und richtlinienkonform umsetzt.

Was genau bedeutet Barrierefreiheit?

 In Europa ist jeder vierte Mensch auf eine barrierefreie Website angewiesen. Die Voraussetzungen reichen von der häufig bei Männern auftretenden Rot-Grün-Sehschwäche bis zur vollständigen Blindheit.

Das Behindertengleichstellungsgesetz definiert in Paragraf 4 Barrierefreiheit folgendermaßen:

 

„Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind."In Bezug auf das Internet bedeutet diese etwas angestaubte Definition, dass die Website im vollen Ausmaß und ohne zusätzliche Anforderungen für Menschen mit Behinderungen verfügbar sein muss. Zudem muss sie ohne fremde, externe Hilfe bedienbar sein. Im Prinzip hängt Barrierefreiheit im Netz also eng mit Benutzerfreundlichkeit (Usability) zusammen. Grundsätzlich sind Menschen mit Behinderungen sogar mehr im Internet unterwegs als andere Leute. Das ergibt Sinn, weil man mit einer Behinderung digital in der Regel schneller ein gewünschtes Ergebnis erreicht, als bei umständlichen Behördengängen oder Einkäufen.

Zusammengefasst gilt es Websites so zu gestalten, dass sämtliche Ausgrenzungen ausgeschlossen werden. Dies umfasst auch Bereiche wie Verständnisbarrieren und eine leichte Sprache, da Menschen mit Lernschwierigkeiten (bzw. kognitiven Beeinträchtigungen) eine möglichst barrierefreie, d.h. verständliche Website benötigen.

Die Konsequenzen für den öffentlichen Sektor:

 Vor allem für den öffentlichen Sektor ergeben sich hieraus viele neue Verpflichtungen. Aber wie reagiert die private Wirtschaft auf den neuen Druck aus Brüssel? In vielen Ländern, wie z.B. den USA, gehören barrierefreie Internetauftritte schon heute zum einklagbaren Recht. Folglich sollten sich auch international agierende Firmen bewusst sein: Barrierefreiheit kann nicht mehr als „nice-to-have“ abgetan werden, sondern muss Teil der Unternehmens-Policy werden. Im Folgenden geben wir eine Bestandsaufnahme über aktuelle Entwicklungen im Hinblick auf Barrierefreiheit im Web.

Was ist mit der Privatwirtschaft?

Im Allgemeinen sind Konzerne betreffend der Umsetzung von Vorgaben, die nicht direkten Einfluss auf den Umsatz haben, träger. Und faktisch sind sie nach wie vor nicht von den neuen EU-Regeln betroffen. Für sie gilt jedoch das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen (§ 11 BGG) aus dem Jahr 2002. Es sieht nicht nur vor, dass Träger öffentlicher Gewalt ihre Internetauftritte und –angebote so zu gestalten haben, dass sie von behinderten Menschen grundsätzlich uneingeschränkt genutzt werden können. In Absatz 2 wird die Bundesregierung verpflichtet darauf hinzuwirken, dass auch gewerbliche, private Anbieter von Internetseiten durch Zielvereinbarungen ihre Produkte entsprechend den technischen Standards der Barrierefreiheit gestalten. § 5 BGG sieht hierzu vor, dass Unternehmen nicht zur Umsetzung von behindertengerechten Internetseiten verpflichtet werden sollen. Allerdings bestimmt diese Vorschrift, dass zwischen Behindertenverbänden und Unternehmen bzw. Unternehmensverbänden sogenannte Zielvereinbarungen geschlossen werden sollen, in dem sich die Unternehmen zur Umsetzung der jeweiligen Verbandsrichtlinien verpflichten.

Abmahnungen drohen auch privatwirtschaftlichen Unternehmen:

In Kombination mit der neuen EU-Gesetzgebung kann man nun davon ausgehen, dass vor allem für Unternehmen, die im B2C-Markt tätig sind und täglichen Kontakt zum Endverbraucher haben, der Druck in der Öffentlichkeit steigt. Onlineshops sind hier ein gutes Beispiel. Große E-Commerce Agenturen haben das Thema Barrierefreiheit verstärkt auf ihren Agenden. Aber auch Mobilfunk, Automotive, Tourismus und Luftfahrt haben die Zeichen der Zeit erkannt. Neben Imagegründen sind es aber vor allem finanzielle Risiken, die drohen.

Dies liegt auch daran, dass internationale Betriebe verstärkt auf Barrierefreiheit geprüft werden. Wer also global tätig ist, sollte seine Website barrierefrei umsetzen. Und nicht nur in den USA mahnen Kanzleien Unternehmen mit fehlender Zugänglichkeit ab. Auch in der Schweiz werden Websites aktuell verstärkt abgemahnt, wenn sie gegen Gleichstellung und Barrierefreiheit verstoßen. Die Summen liegen dabei mindestens im vierstelligen Bereich, werden aber in den kommenden Monaten rasant ansteigen. Abmahnvolumen von 50.000 Euro und mehr sollten dann in Europa eher Regel als Ausnahme sein.

Fazit:

Schon jetzt sind Firmen bei fehlender Barrierefreiheit abmahnbar. Das EU-Urteil lässt zudem nur noch 12 Monate Zeit für eine Umsetzung ohne erhebliche (finanzielle) Risiken. Entsprechend müssen Unternehmen schnell Lösungen finden, Barrierefreiheit in ihren Web-Redaktionsplan einzubauen. Der Schlüssel liegt darin, die verpflichtenden To-Do’s in die Policy- und Compliance-Richtlinien der Unternehmensstrategie zu integrieren. Klare Umsetzungs- und Zielvorgaben sind hier das Gebot der Stunde. Eine Seite komplett barrierefrei zu gestalten, ist dabei ein Prozess, der sich über die verschiedenen internationalen Standards hinweg entwickeln muss. Abhängig von der Branche kann es unterschiedliche Vorgaben zur Barrierefreiheit geben, die erfüllt werden müssen. Glücklicherweise hat das Konsortium des World Wide Web (W3C) eine umfassende Liste erstellt – die WCAG 2.0. Richtlinien. Diese Liste ist die Grundlage für die meisten Richtlinien, auf denen die aktuellen Standards basieren und sollte entsprechend Ihrer Policy-Strategie zu Grunde liegen.

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